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Berechnungsmethode

Islamische Gebetszeiten
Berechnungsmethode und theologische Grundlagen
Stand: März 2026

Die fünf täglichen Gebete (Salāt) zählen zu den zentralen Grundpflichten des Islam. Ihre Zeiten sind im Koran und in der prophetischen Überlieferung verankert und richten sich nach dem natürlichen Lauf der Sonne- sie sind damit von Ort zu Ort und von Jahreszeit zu Jahreszeit unterschiedlich.

Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich veröffentlicht die Gebetszeiten auf Grundlage eines international abgestimmten Berechnungsverfahrens. Dieses wurde im Rahmen des Internationalen Kongresses zur Vereinheitlichung der Gebetszeiten erarbeitet, der am 26.–27. September 2021 in Istanbul stattfand und an dem Religionsgelehrte, Astronomen sowie Vertreterinnen und Vertreter islamischer Gemeinschaften aus Europa und der ganzen Welt teilnahmen. Die IGGÖ ist Mitglied dieses internationalen Gremiums und trägt die dort beschlossenen Kriterien mit.

Ziel dieser internationalen Zusammenarbeit ist es, Muslimen in Europa- insbesondere in Regionen mit extremen Tageslängen- eine theologisch fundierte, einheitliche und praktisch handhabbare Grundlage für ihre täglichen Gebete bereitzustellen.

Die fünf Gebetszeiten und ihre Bestimmung

Mittagsgebet (Dhuhr)

Das Mittagsgebet beginnt, wenn die Sonne ihren höchsten Stand überschritten hat. Die Gebetszeit wird fünf Minuten nach dem astronomischen Sonnenhöchststand angesetzt. An Tagen, an denen die Sonne nicht aufgeht, wird der Zeitpunkt des Meridiandurchgangs der Sonne als Berechnungsgrundlage herangezogen und ebenfalls um fünf Minuten versetzt.

Nachmittagsgebet (Assr)

Das Nachmittagsgebet beginnt, wenn der Schatten eines aufrechten Gegenstandes- abzüglich des Schattens zur Mittagszeit- die Länge des Gegenstandes selbst erreicht hat. Dies entspricht der Rechtsauffassung der Mehrheit der islamischen Gelehrten (Dschumhūr). Solange das natürliche Schattenzeichen erkennbar ist, wird die tatsächliche astronomische Zeit verwendet. Ist das Zeichen aufgrund der geografischen Lage nicht erkennbar, gilt die Zeit des Mittagsgebetes zugleich als Beginn der Nachmittagsgebetszeit.

Sonnenauf- und -untergang (Sonnenaufgang/Maghrib)

Solange die Tages- oder Nachtdauer fünf Stunden übersteigt, werden die tatsächlichen astronomischen Zeiten für Sonnenauf- und -untergang verwendet. Unterschreitet die Tag- oder Nachtdauer fünf Stunden- wie es in Österreich in Ausnahmesituationen rund um den Jahreswechsel auftreten kann- werden die Zeiten so angepasst, dass eine Mindestdauer von je fünf Stunden für Tag und Nacht gewährleistet ist.

Morgengrauen / Beginn der Fastenzeit (Fajr/Imsaq)

Das Morgengrauen beginnt mit dem Erscheinen eines waagerechten weißen Lichtstreifens am östlichen Horizont. Astronomisch entspricht dies dem Zeitpunkt, zu dem die Sonne 18 Grad unterhalb des Horizonts steht. Dieser Wert wurde bei der Gebetszeit-Kongresstagung in Straßburg gemeinschaftlich beschlossen und durch eigene Feldbeobachtungen des Wissenschaftlichen Ausschusses bestätigt.

Nachtgebet (Isha)

Das Nachtgebet beginnt, wenn das rötliche Abendleuchten am westlichen Horizont vollständig verschwunden ist. Astronomisch entspricht dies dem Zeitpunkt, zu dem die Sonne 16 Grad unterhalb des Horizonts steht.

Sonderregelung für hohe Breitengrade: das Schätzverfahren (Takdīr)

In Regionen nördlich des 44,5. Breitengrades- zu denen Österreich mit Wien auf dem 48. Breitengrad gehört- treten im Sommer astronomische Bedingungen auf, unter denen das Morgengrauen und das Verschwinden des Abendrots astronomisch nicht oder kaum erkennbar sind. In diesen Zeiträumen wäre eine wörtliche Anwendung der natürlichen Zeichen mit unzumutbaren Erschwerungen verbunden.

Der Kongress hat für diese Fälle in Übereinstimmung mit der islamischen Rechtspraxis das Schätzverfahren (Takdīr) beschlossen. Es basiert auf dem Grundsatz, dass die islamische Nacht- gerechnet von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang- in drei gleiche Teile geteilt wird.

Das geschätzte Nachtgebet (Isha) wird berechnet, indem ein Drittel der islamischen Nachtdauer zur Zeit des Abendgebetes (Maghrib) addiert wird- sofern der berechnete astronomische Isha-Zeitpunkt nach diesem Drittel läge.

Das geschätzte Morgengrauen (Fajr) wird ermittelt, indem von der Sonnenaufgangszeit eine berechnete Zeitspanne abgezogen wird. Diese ergibt sich aus dem Verhältnis des Nachtdrittels zur Gesamtnacht, ergänzt um einen Korrekturfaktor von zwei Graden.

Damit kein abrupter Wechsel zwischen tatsächlichen und geschätzten Zeiten entsteht, wird der Übergang schrittweise vollzogen: Die Schätzung für das Nachtgebet beginnt 20 Minuten vor dem errechneten Schätzzeitpunkt, die Schätzung für das Morgengrauen 20 Minuten nach dem errechneten Schätzzeitpunkt. An Orten, an denen das Morgengrauen das ganze Jahr über astronomisch erkennbar ist, dient der 21. Juni als Referenztag für diesen Übergang.

Sicherheitszuschläge (Temkin)

Was ist Temkin?

Temkin bezeichnet einen Sicherheitszuschlag von wenigen Minuten, der bei der Berechnung von Gebetszeiten angewendet wird. Er stellt sicher, dass ein Gebet nicht versehentlich vor Eintreten seiner eigentlichen Zeit begonnen wird und trägt geografischen Gegebenheiten Rechnung, die innerhalb eines Ortes zu leichten Zeitunterschieden führen können.

Grundsätzlich gilt im Islam: Ein Gebet darf zu jedem Zeitpunkt innerhalb seines festgelegten Zeitfensters verrichtet werden. Es gibt keine Wartezeit nach Eintritt der Gebetszeit und ein Gebet, das kurz vor dem Ende des Zeitfensters verrichtet wird, gilt gleichwertig als fristgerecht (Adāʾ). Temkin ist daher kein theologisches Gebot, sondern eine kalendarisch-technische Maßnahme.

Warum entstand Temkin (historischer Hintergrund)

  • Frühislamische Zeit: Gebetszeiten wurden durch persönliche Himmelsbeobachtung bestimmt. Jeder Gläubige richtete sich nach den sichtbaren Zeichen: Sonnenauf- und -untergang, Morgengrauen, Verschwinden des Abendrots. Ein Sicherheitszuschlag war nicht nötig, da die Beobachtung ortsgenau und individuell erfolgte.
  • Ab dem 2. Jahrhundert der Hidschra: Mit dem Erstarken von Mathematik und Astronomie in der islamischen Welt wurde die Bestimmung der Gebetszeiten zunehmend durch Berechnung vorgenommen. Kalender und Gebetstafeln wurden für ganze Ortschaften erstellt; mit einer einzigen Zeitangabe für alle Bewohner.
  • Das Problem des Einzelwertes: Ein Ort hat jedoch keine punktgenaue Lage. Er erstreckt sich von Ost nach West, von niedrigen zu höheren Lagen. Würde die Gebetszeit für die östlichste Stelle des Ortes berechnet, wäre sie im Westen noch nicht eingetreten. Wird die westlichste Stelle zugrundegelegt, hätte der Osten bereits warten müssen. Temkin gleicht diese Differenz aus.

Um einen ausreichenden Puffer zwischen der Berechnungsgrundlage und der praktischen Handhabung zu gewährleisten, werden folgende Sicherheitszuschläge angewendet: