Besuch im Rolletmuseum Baden: Bedeutender islamischer Fund wirft neues Licht auf die frühe Geschichte Österreichs
Am 24. Juni besuchte eine Delegation der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich unter der Leitung von Präsidenten Ümit Vural das Rolletmuseum in Baden bei Wien. Der Delegation gehörten Bildungsamtsleiter Binur Mustafi, der stellvertretende Leiter des Instituts Islamiche Religion d. KPH Wien/NÖ des Gernot Galib Stanfel, Professor für Islamwissenschaften Rüdiger Lohlker und die Künstlerin Friderica Wächter-Stanfel an. Empfangen wurde die Delegation von der Museumsdirektorin Ulrike Scholda.
Anlass des Besuchs war die Besichtigung eines außergewöhnlichen historischen Fundstücks, wohl eines der bedeutendsten islamischen Artefakte Österreichs und bislang nur einem kleineren Fachpublikum bekannt. Dabei handelt es sich um einen Ring mit kufischer Inschrift aus dem 8. bis 9. Jahrhundert, der 1999 im Rahmen einer von der Archäologin Dorothea Talaa geleiteten Ausgrabung in Baden bei Wien entdeckt wurde.
Dr. Talaa erläuterte den Gästen die Umstände der Ausgrabung sowie die vor zwei Jahren erfolgte Entzifferung der Inschrift. Diese enthält eine islamische Gebetsformel und ermöglicht eine neue historische Einordnung des Fundes. Nach aktuellem Forschungsstand stellt der Ring den bislang ältesten Nachweis islamischer Präsenz auf dem Gebiet des heutigen Österreich dar. Damit belegt er, dass bereits vor der ersten urkundlichen Erwähnung Österreichs im Jahr 996 muslimische Bevölkerungsteile in dieser Region lebten.
Historische Forschungen gehen davon aus, dass Gruppen aus Zentralasien über einen Zeitraum von rund zwei Jahrhunderten in das Gebiet östlich des Wienerwaldes, nach Niederösterreich und ins heutige Burgenland einwanderten und dort mit der ansässigen Bevölkerung zusammenlebten. Der Fund eröffnet somit neue Perspektiven auf die kulturelle und religiöse Vielfalt im frühmittelalterlichen Raum Österreichs.
Besonders bemerkenswert ist der Umstand, dass der Ring im Grab einer jungen Frau gefunden wurde, der innerhalb ihrer Gemeinschaft offenbar eine führende Herrscher-Rolle zukam.
Dies deutet darauf hin, dass Frauen während des Übergangs dieser Bevölkerungsgruppen vom tengristisch-schamanistischen Glauben zum Islam eine bedeutende und möglicherweise Männern gleichgestellte Stellung in Führungsfunktionen einnehmen konnten.
Die IGGÖ misst diesem Fund große historische und gesellschaftliche Bedeutung bei.
Um das Wissen über dieses wichtige Kapitel der österreichischen Geschichte einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, sind bereits weitere Veranstaltungen und Initiativen zu diesem Thema in Planung.
